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Grenzen setzen: Ist es ok NEIN zu sagen?

Filiz Scarcella Allgemein Leave a Comment

Grenzen setzen: Es fĂ€llt Michael nicht leicht, nein zu sagen - vor allem zu seinen Kollegen.Michael ist bei seinen Kollegen beliebt. Er weiss, dass er deren Vertrauen geniesst, sie kommen und sprechen mit ihm, machen ihm Komplimente. Auch wenn Michael mit seiner eigenen Arbeit ĂŒberfordert ist, hilft er gern aus. Er will einfach nicht Nein sagen. Lieber geht er weit ĂŒber seine eigenen körperlichen und mentalen Grenzen hinaus. Nur um andere nicht zu enttĂ€uschen. Lange kann das natĂŒrlich nicht gut gehen. Stress und diese stĂ€ndige Überbelastung schaden – nicht nur Michael selbst sondern auch dem Unternehmen.

Hast Du einen Kollegen wie Michael? Einen, der Dir das Leben leichter macht, weil er all die Aufgaben erledigt, um die Du ihn ach so nett bittest? Oder bist Du vielleicht ein Michael? Einer, dem es schwerfÀllt Grenzen zu setzen? Steckst Du schon mittendrin in der GefÀlligkeitsfalle?

Warum ist Grenzen setzen so schwer?

NatĂŒrlich ist mir bewusst, dass viele ganz und gar kein Problem damit haben, eine Bitte auszuschlagen. Wer selbstbewusst ist, die eigene LeistungsfĂ€higkeit genau einschĂ€tzen kann und sich wenig darum schert, was andere sagen oder denken, dem geht ein Nein leicht ĂŒber die Lippen. Gut so! Meine Erfahrung hat mir aber gezeigt, dass der Anteil deren, die genau damit Schwierigkeiten haben, viel grösser scheint. Ich selbst zĂ€hlte dazu.

Die GrĂŒnde, warum es uns so schwer fĂ€llt Nein zu sagen, sind so vielfĂ€ltig, wie wir Menschen selbst.

  • Angst vor den Konsequenzen
    Wenn ich die Bitte ausschlage, wird der andere enttĂ€uscht und verĂ€rgert sein. Du fĂŒrchtest Dich vor der Reaktion, vor den Konsequenzen, die ein Nein mit sich bringt.

    Gerade, wenn der Chef kommt und Dich um einen Gefallen bittet, obwohl Deine To-Do Liste bereits ĂŒbervoll ist, so ist das Ja schon fast wie ein Reflex. Sonst wirst Du schliesslich nicht befördert, sonst bekommst Du Deinen Bonus nicht, sonst wird er es im nĂ€chsten unangenehmen Feedbackmeeting ansprechen, sonst muss es der andere Kollege machen, dem es genauso schwer fĂ€llt Nein zu sagen 

  • Angst vor Ablehnung
    Das gilt fĂŒr das private genauso wie fĂŒr das berufliche Umfeld: Du hast Angst, Deine Beziehung zu einer anderen Person wird darunter leiden, wenn Du eine Bitte ausschlĂ€gst. „Wenn ich das jetzt nicht mache, werde alle denken, ich bin egoistisch.”, denkst Du Dir, „Dann werden alle schlecht ĂŒber mich reden.” Wir alle (wenn auch unbewusst) streben nach Anerkennung, danach gemocht zu werden und wir meinen, ein Ja und Amen zu allem, wĂŒrde uns sympathischer machen.

Wir ĂŒberfordern uns lieber, als Grenzen setzen.

 

  • Angst davor, als inkompetent dazustehen
    Wer will nicht kompetent wirken? Nur die wenigsten geben SchwĂ€chen gern zu, nicht viele wollen eingestehen, dass sie ihre Grenzen erreicht haben. Die Sorge, die Kollegen könnten Dich fĂŒr inkompetent halten, lĂ€sst Dich zum Ja-Sager werden. Alles unter Kontrolle, auch wenn Du dafĂŒr Überstunden machen musst.
  • Angst davor, etwas zu verpassen
    Schon einmal den Ausspruch „Auf allen Hochzeiten tanzen” gehört? Kennst Du nur zu gut? Wie oft ist Dein Kalender ĂŒbervoll? Abendessen mit der Freundin, Geburtstag der Oma, Teamevent mit der Firma, Abschiedsfeier fĂŒr den Kollegen, Willkommensparty fĂŒr einen neuen 
 und dann lĂ€dt der Chef nach Feierabend auf ein GlĂ€schen Wein im Bistro nebenan ein. Das ganze Team wird da sein. Da kannst Du natĂŒrlich nicht fehlen, auch wenn Du Dich so auf Deine Couch gefreut hast.
  • Das GefĂŒhl gebraucht zu werden
    Der Kollege kommt zu Michael und sagt: „Hey Michi, Du bist doch so gut mit Excel. Kannst Du nicht schnell den Report fĂŒr das Meeting morgen fertig machen? Du kannst das so viel besser als ich.” Michael treibt es die Röte ins Gesicht. Die Schmeichelei tut dem Ego gut. Er fĂŒhlt sich wichtig, gebraucht. Die MinderwertigkeitsgefĂŒhle, die ihn so oft plagen, verschwinden - zumindest fĂŒr den Moment.
  • Hilfsbereitschaft wird uns schon frĂŒh beigebracht
    Hilfsbereitschaft ist eine gute Tugend, keine Frage. Was vielen Kindern allerdings nicht beigebracht wird ist Selbstbestimmung. AbhÀngig von der Situation sollte es sich immer um ein Geben und Nehmen handeln. Eine Hand hilft der anderen.

Warum ist das Grenzen setzen so schwer? Wovor haben wir Angst?


FĂŒr manche ist es einer dieser Punkte, fĂŒr andere alle kombiniert. Auch wenn die GrĂŒnde so individuell sind, ist es immer der erste Schritt aus der GefĂ€lligkeitsfalle, sich selbst bewusst zu machen, dass Du Dich in selbiger befindest. Grenzen setzen ist nicht einfach, beginnt aber immer mit der Einsicht und bei Dir selbst.

Welche Folgen hat die GefÀlligkeitsfalle tatsÀchlich?

Wir malen uns also all diese ach so schrecklichen Dinge aus, die eintreten, wenn wir Nein sagen. Wir werden nicht mehr akzeptiert, stehen beim Chef schlecht da, verlieren Sympathiepunkte, sind unhöflich und werden einfach nicht mehr gebraucht.

Merkst Du eigentlich, dass Du Dich in diesem Teufelskreis komplett von der Meinung anderer abhĂ€ngig machst? Es wird immer schwieriger werden sich durchzusetzen und der Druck es immer allen Recht zu machen, wĂ€chst. Dabei passieren Fehler. Wenn Du ĂŒberfordert und gestresst bist, wirst Du nicht das Beste aus Dir heraus holen können. Du brennst aus und bist irgendwann fĂŒr keinen mehr eine Hilfe. Deiner Karriere wird das nur schaden.

„Wer zu viele Eisen im Feuer hat, dem werden einige kalt.” - Unbekannt

Grenzen setzen: Der Weg aus der GefÀlligkeitsfalle

Schritt 1: Arbeite an Deinem SelbstwertgefĂŒhl! Genau hier liegt der SchlĂŒssel. Es geht beim Neinsagen zuallererst um Dich selbst, um Deine Belange. Du musst Dich ernst nehmen, mit Dir im Reinen sein und Dich selbst wertschĂ€tzen können. Deine eigenen BedĂŒrfnisse sind nie weniger wichtig als die der anderen.

Nun ĂŒberlege Dir, aus welchem Grund Du Dich in der GefĂ€lligkeitsfalle befindest. Du wirst der Situation nur entkommen können, wenn Du erkennst, dass sie Dir schadet und warum.

Klar, es ist zu einem Teil egoistisch Nein zu sagen, denn wenn Du eine Bitte ausschlĂ€gst, kĂŒmmerst Dich um Dich selbst, Deinen Selbstschutz. Du weisst, wo Deine Leistungsgrenze ist und Du machst sie deutlich. Selbstbewusst zu sein, bedeutet nicht, unhöflich sein. Der Ton macht die Musik.

Gleichzeitig solltest Du aber auch die Grenzen anderer respektieren. WertschÀtzung ist immer im Spiel.

Nein zu sagen ist ok, Dir Bedenkzeit zu nehmen genauso

Wenn Du es bis zu dieser Stelle des Textes noch nicht mitbekommen hast: Es ist vollkommen OK Nein zu sagen, sogar zum eigenen Vorgesetzten. Das bedeutet aber nicht, dass Du alle Extra-Aufgaben, neuen Herausforderungen und jede Bitte um Hilfe konsequent ablehnen sollst! Wenn Du die Zeit und Energie hast, neue Projekte anzunehmen - auch wenn sie auf den ersten Blick schwierig erscheinen - dann fordere Dich ruhig heraus.

Achtung: Es gibt auch notorische Neinsager - die, die jegliche Verantwortung von sich weisen, denen VerÀnderung schwer fÀllt. Verpasse Deine Chancen nicht, nur weil Du Dich nicht traust, zu Neuem Ja zu sagen.

Nimm Dir einfach zuerst immer ein wenig Bedenkzeit und evaluiere die Situation. HierfĂŒr bietet sich die Pidewawa-Methode an, die Dir hilft verschiedene Aspekte einer Aufgabe zu beleuchten. Wenn Du aus Reflex Ja sagst, spĂ€ter aber Deine Meinung Ă€nderst, wirst Du unzuverlĂ€ssig wirken. „Ich gebe Dir spĂ€ter Bescheid” oder „Ich schaue mir das erst einmal in Ruhe an” sind hier die besseren Alternativen. Lasse den Kollegen oder Deinen Vorgesetzten aber nicht zu lang warten, damit die Aufgabe bei Bedarf anderweitig delegiert und trotzdem noch termingerecht erledigt werden kann.

  • Worum genau werde ich gebeten?
  • Was steht bereits auf meiner To-Do Liste? Habe ich genĂŒgend Kraft und Zeit einen weiteren Punkt aufzunehmen?
  • Kann ich Aufgaben abgeben, um Raum fĂŒr neue zu machen? Wie und an wen kann ich richtig delegieren?
  • Kann ich meine PrioritĂ€ten neu ordnen?
  • Fehlen mir die fachlichen FĂ€higkeiten, um die Aufgabe zu ĂŒbernehmen?
  • Stimmt die Aufgabe mit meinen Werten ĂŒberein?

5 Wege um höflich, bestimmt und positiv Grenzen zu setzen

  • Sei höflich, entschuldige Dich aber nicht!

    Klar, Du kannst VerstĂ€ndnis dafĂŒr zeigen, dass Dein GegenĂŒber von Deiner Absage enttĂ€uscht ist und trotzdem solltest Du Dich nie kleiner machen als Du bist. Du brauchst Dich nicht entschuldigen, Du brauchst keine zusammengeschusterte lange Rechtfertigung dafĂŒr, dass Du auf Deine BedĂŒrfnisse achtest. Schliesslich ist eine gut begrĂŒndete Absage fairer als ein enttĂ€uschendes Ergebnis. Das wird nicht jeder sofort akzeptieren. Da musst Du durch. Bleibe konsequent, denn wie der Kollege, der Dich um einen Gefallen bittet, hast auch Du einen Tag, der nur 24 Stunden lang ist.

  • BegrĂŒnde Deine Entscheidung!

    Auch wenn grundsĂ€tzlich nicht jede Deiner Entscheidungen einer BegrĂŒndung bedarf, reicht ein einfaches Nein nicht immer aus. Kannst Du nachvollziehbar erklĂ€ren, dass andere Verpflichtungen auf der Strecke bleiben oder Du Dich selbst ĂŒberfordern wĂŒrdest, wenn Du die Aufgabe ĂŒbernimmst, wird Dein GegenĂŒber Deine Absage besser verstehen. Arbeitest Du derzeit an anderen Projekten, so fĂŒhre diese fĂŒr Deinen Vorgesetzten einfach noch einmal auf. Vielleicht kann er sich gar nicht daran erinnern, sie Dir ĂŒbertragen zu haben. Falls Du Dich fachlich oder gesundheitlich nicht in der Lage fĂŒhlst, die Aufgabe zu ĂŒbernehmen, dann sprich auch dies offen und ehrlich an. Eine gute FĂŒhrungskraft wird es zu schĂ€tzen wissen. Frage nach, wenn Dir etwas unklar ist und lass Dir eine Aufgabe zeigen oder ausfĂŒhrlich erklĂ€ren, wenn Du Dir unsicher bist, wie das Ergebnis aussehen soll.

  • Verdeutliche die Konsequenzen!

    Du hast nur einen Kopf, nur ein Gehirn, nur zwei HĂ€nde. Wenn Du eine neue Aufgabe ĂŒbernimmst, obwohl Du bereits so einiges auf dem Tisch hast, werden sich PrioritĂ€ten teilweise auch Abgabetermine verschieben. Verdeutliche dem Bittsteller, welche Konsequenzen die neue Aufgabe fĂŒr Deine PrioritĂ€tenliste hat, bedanke Dich fĂŒr das Vertrauen, stelle aber klar, dass Deine Leistung unter dem Druck leiden wĂŒrde.

  • Biete Alternativen an!

    Möglicherweise können Teilaufgaben delegiert werden, vielleicht gibt es einen einfacheren Lösungsweg, einen Kollegen, der kompetenter ist - Mache konstruktive AlternativvorschlÀge!

  • Mit Humor, positiver Sprache und einer aufrechten Körperhaltung

    Wie immer: Der Ton macht die Musik. Bleibe immer freundlich, streu gern eine Prise Humor ein und halte Dich aufrecht. Deine Körpersprache ist ein wichtiger Teil Deiner Kommunikation und hilft Dir Selbstbewusstsein auszustrahlen.

Mit Humor lÀsst sich leichter Grenzen setzen.

Grenzen setzen - Fazit:

Ja, es ist ok NEIN zu sagen. 😉 Anfangs wirst Du auch UnverstĂ€ndnis stossen, die ein oder andere Absage ausfĂŒhrlicher begrĂŒnden mĂŒssen, aber wenn Du konsequent bleibst, wirst Du Dir auf lange Sicht eine ganze Menge Respekt erarbeiten. Viel wichtiger noch: Dein Selbstwahrnehmung wird sich Ă€ndern - zum Positiven hin.

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