Konstruktive Fehlerkultur: Fehler sind Chancen.

Konstruktive Fehlerkultur – Was wäre, wenn Fehler Chancen wären?

Filiz Scarcella Allgemein 2 Comments

Fehler sind etwas Wunderbares, Fehler sind wichtig, Fehler sind wertvoll. Jetzt dreht sie voll ab, die Filiz! Das Fehler nichts Gutes sind, weiss doch jedes Schulkind. Die bekommen es sogar schwarz (oder rot) auf weiss. Neben den Rechenfehler wird ein kleines rotes „f“ geschrieben, ganz unten wird dann aufsummiert, wie gut oder schlecht man war. Viele „f“s = 6 setzen = Vorwürfe von den Eltern = Angst vor Fehlern. Glaubenssätze wie dieser festigen sich nach und nach. Irgendwann kamen wir dann an den Punkt, an dem wir glaubten, immer alles perfekt machen zu müssen. Das klappt natürlich nicht und geht dann doch etwas in die Hose, wird der Fehler lieber vertuscht, weg geschummelt oder jemandem anderen in die Schuhe geschoben. Hauptsache ich stehe nicht als Versager da. Blick nach unten und nicht auffallen.

Ohne konstruktive Fehlerkultur gibt es lediglichlich Schuldzuweisungen.

Fehlerkultur heute: „Der Schmid hat es versemmelt!”

Im Arbeitsleben geht es uns heute also ganz ähnlich als damals in der Schule. In Europa meinen wir schliesslich in einer Erfolgs- und Leistungsgesellschaft zu leben. Da schliesst der Begriff Fehltritte ja bereits aus. Fehler werden rigoros bestraft: Kündigung, Abmahnung, öffentliches An-den-Pranger-stellen. Zuallererst muss aber überhaupt ein Schuldiger gefunden werden. „Die Frau Schmid war es, die hat das vergessen! Der Müller hat hier eine falsche Zahl eingetragen.” Auf wer-ist-an-was-schuld folgen dann erst die Rechtfertigungen und das erneute wer-ist-an-was-schuld. Die Frustration über ein Malheur bringt die Emotionen ganz schnell zum Überkochen und dann klappt es auch mit der konstruktiven Kritik nicht mehr. Statt eine Lösung zu finden, wird das Problem nieder diskutiert und Ärger an anderen ausgelassen. Besserwisserische Aussagen wie „Na, da hättest Du aber jetzt schon mal mitdenken können” oder „So etwas hätte einfach nicht passieren dürfen” bringen noch weniger. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen. Durch Rüffel und Vorwürfe lässt sich der Fehler nun nicht mehr ungeschehen machen.

Angst vor Fehlbarkeit: Fehler können Vorwürfe und Angst nach sich ziehen.

Was ist die Folge? Wir trauen uns gar nichts mehr, stehen einfach still und bewegen uns nur in unserer Komfortzone, in der wir genau wissen, wo es lang geht. Werden wir doch einmal aus ihr hinaus geschubst und sollen eine neue Herausforderung meistern, verkrampfen wir so sehr, dass noch mehr Fehltritte passieren. Stellen wir uns zum Beispiel einmal vor, Du wärst zu einem schicken Abendessen eingeladen worden. Mit schneeweissen und Persil-frischen Hemd sitzt Du am Tisch und versuchst so angestrengt die mit Basilikum-Dressing triefenden, viel zu grossen Ruccola-Blätter in den Mund zu stopfen, ohne dass ein Tropfen daneben geht. Das wäre schliesslich unendlich peinlich. Gedanklich fixierst Du Dich bereits auf all das, was Du machen wirst, sobald Dir der Fauxpas passiert ist. Abwischen? Nein, davon wirds noch schlimmer. Tupfen? Schnell auf die Toilette rennen? Schwupps, schon ist es passiert. Du hast Dich so sehr darauf fokussiert einen Fehler zu machen, dass er glatt eingetreten ist.

Die Angst einen Fehler zu machen erzeugt also noch mehr Missgeschicke oder führt in der Folge zu regelrechter Risikovermeidung. Dann sag ich die Einladung zum Abendessen lieber ab, bevor ich mich blamiere. Kleckern würde ich ja eh. Lieber gar nichts machen, als etwas Falsches.

Fehlerkultur: Haben wir Angst vor Fehlern, passieren noch mehr.
So geht es uns nicht nur bei schicken Anlässen, sondern in zig Situationen täglich – vor allem auch im Arbeitsleben, wo wir dazu aufgefordert werden neue Herausforderungen anzunehmen und unsere Komfortzone zu verlassen. Die Furcht einen Rüffel vom Vorgesetzten zu hören zu bekommen, motiviert dazu, Fehler zu vertuschen oder am besten gleich einen anderen Schwarzen Peter zu finden. Die meisten Unternehmen sind von einer konstruktiven Fehlerkultur noch meilenweit entfernt. Was genau ist das aber und warum brauchen wir sie so dringend?

Was verstehen wir unter Fehlerkultur?

Beschäftigst Du Dich mit Führungsstilen und -kompetenzen, so kommst Du um den Begriff Fehlerkultur kaum herum. Alle wollen es, keiner weiss so wirklich, was gemeint ist. Wie sollen wir etwas in Unternehmen implementieren, von dem wir gar nicht so genau wissen, was es ist? Prinzipiell wollen wir doch einfach keine Angst mehr davor haben müssen, Fehler zu machen. Wir wollen, dass anders mit Fehlern umgegangen wird. Wie anders? So ganz genau wissen wir das auch nicht.

Ziehen wir einfach einmal Wikipedia zu rate: „Der Begriff Fehlerkultur stammt aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und bezeichnet die Art und Weise, wie Gesellschaften, Kulturen und soziale Systeme mit Fehlern, Fehlerrisiken und Fehlerfolgen umgehen.“

Fehlerkulturen gibt es also überall, nicht nur bei der Arbeit oder in der Schule, sondern auch im Familien- und Freundeskreis. Tatsache ist, dass wir andauernd Fehler machen und wir demzufolge immer wieder, immer anders auf diese Fehltritte reagieren oder Reaktionen zu spüren bekommen. Damit eine Fehlerkultur konstruktiv ist, muss klar kommuniziert werden, dass Fehler ganz einfach Teil des Lernprozesses sind. Das bedeutet nicht, dass in Zukunft einfach weggeschaut und Missgeschicke ignoriert werden. Wer Fehler absichtlich hervorruft oder nicht sorgfältig arbeitet, der sollte keine Freikarte erhalten, um tun und lassen zu können, was er will. Fakt ist aber, dass eine wütende Reaktion auf ein Malheur nur mehr Fehler oder aber passives Verhalten nach sich zieht. Fehler sind Chancen, um zu lernen und ohne sie ist Innovation wohl kaum möglich.

Zugegeben, es ist nicht leicht diese Erkenntnis wirklich umzusetzen – vor allem nicht bei sich selbst. Schliesslich ärgert sich jeder von uns, wenn ein Fauxpas passiert, zumindest dann, wenn wir unsere Tätigkeit ernst nehmen. Wer krampfhaft versucht perfekt zu sein und seinen Wert daran misst, wie fehlerfrei er oder sie ist, bekommt jedesmal dann einen Knicks im Selbstbewusstsein, wenn etwas nicht läuft wie geplant.

Um die innere oder die Fehlerkultur im Unternehmen umzukrempeln, reicht es nicht aus, ein paar Checklisten zu schreiben. „Kultur” ist eine Einstellung, eine Atmosphäre im Unternehmen, eine Art zu kommunizieren, Netzwerke und Beziehungen aufzubauen, das Teilen gleicher Werte. Das klingt doch irgendwie kompliziert. Wie kommen wir nun zu einer positiven Fehlerkultur? Von heute auf morgen ist es nicht getan aber beginnen können wir mit einem ganz einfachen Schritt: Die eigene und fremde Fehlbarkeit annehmen.

Konstruktive Fehlerkultur: Schritt für Schritt statt Hauruck

Schritt 1: Niemand ist fehlerfrei

Der erste Schritt zu einer konstruktiven Fehlerkultur ist es, sich die eigene Fehlbarkeit einzugestehen.

Wir alle machen Fehler. Wir sind fehlerhaft, fehlbar und fehleranfällig. Das ist nun einmal unsere Natur und das ist auch gut so. Sobald Du diese Erkenntnis für Dich verinnerlicht hast und mit Dir im Reinen bist, sobald Du eine gesunde Selbstwahrnehmung aufgebaut hast, in der Du eben nicht perfekt bist, kannst Du ganz anders mit Deinen Fehlern umgehen.

Selbst wenn sich jede Führungskraft abgewöhnen würde, auf Fehler mit ärgerlichen Spontanreaktionen zu antworten, selbst wenn kein Vorgesetzter mehr Tobsuchtsanfälle hätte und Vorwürfen machen würde, wird sich nichts ändern, solange Du Deine Einstellung nicht änderst. Erst wenn Du Dich offen zu Deinen Fehlern bekennst und lernst, Dich nicht selbst zu hart für Missgeschicke zu bestrafen, wirst Du auch aufhören sie zu vertuschen und die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.

Schritt 2: Keine Fehler zu machen ist ein Fehler

Wie entsteht eigentlich Innovation? Ganz bestimmt nicht aus Stillstand und Passivität. Jemand traut sich, etwas Neues auszuprobieren, jemand experimentiert und lernt aus den eigenen Erfahrungen. Das hierbei nicht immer alles auf Anhieb klappt, ist klar. Wer Situationen analysiert und aus ihnen lernt, entwickelt sich weiter. Stell das Wort doch einfach einmal um! Da wird aus „FEHLER“ auch ganz schnell ein „HELFER“.

Eine konstruktive Fehlerkultur sieht Fehler als Chancen und Helfer an.

Schritt 3: Handlungsbedarf für eine Kulturveränderung

Wie immer, wenn etwas verändert werden soll, muss erst einmal klar gemacht werden, dass überhaupt Handlungsbedarf besteht. Wie willst Du von Deinen Kollegen verlangen, dass sie ihr Verhalten ändern, wenn sie sich der Auswirkungen ihres derzeitigen Tuns überhaupt nicht bewusst sind? Zuerst geht es um das „Wozu“, dann um das „Wie“. Eine Kulturveränderung kann immer nur dann funktionieren, wenn sie wirklich von allen mitgetragen und nicht einfach nur von oberster Ebene verordnet wird. Reg Deine Mitarbeiter zum Denken an und frage sie, welche Auswirkungen vertuschte Fehler ihrer Meinung nach in den letzten drei Monaten hatten!

Übe Dich in Selbstreflexion! Liegt der Grund dafür, dass Deine Mitarbeiter sich nicht trauen, mit Missgeschicken zu Dir zu kommen, möglicherweise in Deinem Verhalten? Übertrage Deinen Mitarbeitern Verantwortung und zeige so, dass Du ihnen vertraust. Mache ihnen klar, dass sie sich weiterentwickeln und dabei Fehler machen dürfen.

Schritt 4: Fehlerkultur braucht eine offene Kommunikationskultur

Eine konstruktive Fehlerkultur beginnt immer mit einer offenen Kommunikationskultur. Statt das Malheur zu vertuschen, sollte es offengelegt und darüber diskutiert werden – nicht aber über den Fehler selbst, sondern über die Lösung. Hierfür könnten sogar im wöchentlichen Meeting zehn Minuten eingeräumt werden: Welche Erfahrung habe ich vergangene Woche gemacht und was kann ich nun meinen Kollegen ersparen? Was habe ich gelernt?

Das sofortige Offenlegen von Fehlern für uns natürlich nicht einfach. Wir sind keine Roboter, sondern Menschen. Miese Erfahrungen können wir nicht einfach auf Knopfdruck wieder aus unserem System erfahren. Wurden wir einmal so richtig von einem Vorgesetzten oder Kollegen für einen Fehler angefahren, werden wir auch in zukünftigen Situationen mit Stress antworten, auch wenn zig andere gelassen reagiert haben. Genauso wenig können Führungskräfte Emotionen einfach abschalten. Sollen sie ja auch gar nicht. Wer so richtig verärgert ist, der wird dieses Gefühl nicht wirklich verstecken können ohne unauthentisch zu wirken.

Eine konstruktive Fehlerkultur ist wichtig, denn Fehler sind nur menschlich.

Hier ist Geduld, Empathie vor allem aber auch Konsequenz von beiden Seiten gefragt. Ist Dir als Führungskraft ein Rüffel herausgerutscht, den Du bereust, so gib auch Du diesen Fehler offen zu und entschuldige Dich!

Schritt 5: Handelnd statt Tobend

Der Fehler eines Mitarbeiters kann Auswirkungen auf das Unternehmen haben, mehr noch wenn er nicht gleich zugegeben wird. Egal, wie die Situation aussieht, jemanden zu beleidigen oder anzuschreien, ist niemals angebracht und wird nie zu einer Lösung führen. Konzentriere Dich darauf, eine Lösung zu finden, statt blind Frust und Wut abzulassen! Wie meistern wir diese Herausforderung jetzt? Wie kann dieser Fehler in der Zukunft vermieden werden?

Du kannst und solltest Deine Emotionen zwar kommunizieren aber so, dass sich Dein Gegenüber auch in Zukunft noch traut, Fehler offen einzugestehen. Bedanke Dich für die Offenheit des Anderen und schätze das Vertrauen, das in Dich gelegt wird. Je mehr Mitarbeiter ermutigt werden, mit Anliegen und Sorgen zu Dir zu kommen, desto mehr werden auch Fehler ansprechen. Vertrauen ist, was Dich wirklich mit Deinen Kollegen verbindet.

Schritt 6: Viele Wege führen nach Rom

Wer ist schon mehr als fünf Jahre im gleichen Unternehmen, jetzt mal Hand hoch! Vielleicht machst Du Dinge heute noch ganz genau so wie an Tag Eins. Heisst das nun, dass Du sie richtig machst?

Sei Dir bewusst, dass Fehler immer Chancen sind! Durch den Fauxpas des Kollegen, werden möglicherweise Potentiale aufgezeigt, von denen Du gar nichts wusstest.

Schritt 7: Gemeinsam Herausforderungen meistern

Fehler sind also wichtig für uns und unser Weiterkommen aber die Voraussetzung hierfür ist, dass wir tatsächlich aus ihnen lernen. Eine positive, konstruktive Fehlerkultur ist, wie bereits gesagt, noch lange kein Freibrief dafür, unsorgfältig zu arbeiten. Um die Wiederholung eines Missgeschicks zu vermeiden, gilt es herauszufinden, wie dieses zustande kam. Möglicherweise ist dem Mitarbeiter die gesamte Tragweite seines Verhaltens gar nicht bewusst und somit hat er auch nicht die Erkenntnis, warum er es ändern sollte.

Analysiert die Ursachen und leitet dann daraus gemeinsam als Führungskraft und Mitarbeiter oder im Team Lösungsvorschläge ab. Welche Ideen gibt es?
Rege Deine Kollegen ganz aktiv zum Mitdenken an!

Die Voraussetzung für Schritt sieben ist natürlich Schritt vier. Nur wenn der Fehler offen dargelegt ist und Rechtfertigungsreflexe aus der Analyse herausgenommen werden, kann es eine konstruktive Fehlerkultur geben.

Fazit

Fehler passieren. Keiner von uns ist fehlerfrei. Und das ist auch gut so. Entscheidend ist, dass wir uns dessen bewusst machen und stets nach Lösungen suchen, statt auf unseren Problemen herumzureiten. Mit gegenseitiger Rücksichtnahme, Mut und Vertrauen können Missgeschicke so kommuniziert, analysiert und gelöst werden, dass sie für Innovationen sorgen, von denen wir keine Ahnung hatten. Also: Trau Dich, Fehler zu machen!

Wie ist die Fehlerkultur in Deinem Unternehmen? Was denkst Du zu diesem Thema?

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Positive Leadership Coach Filiz Scarcella - Verlinkung zu LinkedIn

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Mit meiner Can-Do-Einstellung unterstützt ich Dich als Führungskraft zu mehr Eigenverantwortung, Perspektive und Positivität. Ich bin für stärkenorientiertes Führen und möchte Dir helfen, Deine Mitarbeiter zum Mitunternehmer zu machen. Motivierte Mitunternehmer übernehmen schneller Verantwortung und können Entscheidungen gezielter treffen. 
Für Deine Zufriedenheit und persönlichen Erfolg unterstütze ich Dich bei Herausforderungen im Führungs- und Karrierealltag. Lerne mich bei einem virtuellen Kaffe kennen. Ich freue mich auf Dich.
Deine Filiz Scarcella

 

Comments 2

  1. Habe ich erlebt: Fehler in der Arbeit, durch ein Missverständnis passiert (vor einem Jahr). Personalgespräch im Juni, Abmahnung im September. Seit dem Personalgespräch bin ich krank geschrieben (generalisierte Angststörung und Depression). Gespräch beim Psychiater, Vorgespräch bei einer Psychotherapeutin. Jetzt im Februar Vorstellung beim Amtsarzt auf Wunsch der Personalabteilung. Der Amtsarzt zeigte Verständnis und wird bestätigen, dass ich aufgrund eines ungelösten Arbeitsplatzkonfliktes auf längere Sicht nicht arbeitsfähig sein werde.
    Liebe Grüße
    Katrin

    1. Hallo Katrin,
      lieben Dank für Deinen offenen Kommentar.
      Hier liegt aber wirklich bei der Kommunikation mit Deinem Arbeitgeber etwas im Argen. Hat die Personalabteilung Versuche unternommen, um die Wogen zu glätten und den Konflikt zu lösen?

      Der Umgang mit Fehlern ist ein wirklich heikles Thema für viele Unternehmen. Wir sind alle Menschen, wir haben alle Emotionen. Passiert ein Missgeschick ist das (fast) immer ärgerlich, dass ist klar. Nun liegt es an uns, wie wir die neuen Herausforderungen lösen. Dies tun wir nicht durch die Suche nach einem Schuldigen sondern durch den Fokus auf eine Lösung. In Deinem Fall scheint der Konflikt nicht konstruktiv gelöst worden zu sein. Wäre ein Arbeitsplatzwechsel für Dich bereits eher der richtige Schritt gewesen?

      Ich wünsche Dir alles, alles Gute.

      Liebe Grüsse
      Filiz

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